Ein Blick in die wirtschaftspolitischen Versprechen der AfD – angeregt durch einen bemerkenswerten Beitrag in der Süddeutschen Zeitung von Alexander Hagelüken („Man könnte auch gleich einem Scharlatan seine Ersparnisse geben“, SZ vom 17.9.2026)
Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist schwierig. Industrieproduktion und Exporte stehen unter Druck, Energie ist aufgrund der fossilen Abhängigkeit immer noch teuer, viele Menschen erleben seit Jahren kaum noch Einkommenszuwächse. Dass darüber Unzufriedenheit entsteht, ist verständlich.
Aber wer trägt die Verantwortung dafür – und vor allem: Welche Politik könnte die Probleme tatsächlich lösen?
Mit dieser Frage beschäftigt sich der SZ-Wirtschaftsjournalist Alexander Hagelüken in seinem Beitrag „Unter Scharlatanen“. Seine zentrale Botschaft ist unbequem: Die wirtschaftliche Misere lässt sich nicht einfach der Ampel oder der jetzigen Bundesregierung in die Schuhe schieben. Die Ursachen sind vielfältiger – von der zunehmenden Konkurrenz aus China über internationale Handelskonflikte bis zu den Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine und eigenen Versäumnissen deutscher Unternehmen.
Hagelüken warnt deshalb vor einem gefährlichen Kurzschluss: Aus berechtigter Unzufriedenheit mit der Wirtschaftspolitik wird die Hoffnung, mit der AfD könne es wirtschaftlich nur besser werden. Dieser Gedanke verdient eine genauere Betrachtung.
Die Energiewende: verschleppt – und anschließend als Beweis gegen sie benutzt?
Ein besonders wichtiger Punkt ist die Energiepolitik.
Deutschland hat den notwendigen Umbau seiner Energieversorgung über viele Jahre nicht konsequent genug vorangetrieben. Der Ausbau von Wind- und Solarenergie, Stromnetzen und Speichern wurde immer wieder verzögert, die aktuelle Reiche-Politik droht gar die positiven Ansätze der Ampelregierung umzukehren. Auch die Elektrifizierung von Verkehr und Wärme kommt deutlich langsamer voran als erforderlich.
Das rächt sich inzwischen wirtschaftlich.
Denn Deutschland ist weiterhin in hohem Maß auf importiertes Öl und Gas angewiesen. Rund 98 Prozent des Rohöls und etwa 95 Prozent des fossilen Gases werden importiert. Gleichzeitig kommen inzwischen mehr als die Hälfte des deutschen Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Energien – während erneuerbare Energien bei Wärme und Verkehr noch deutlich geringere Anteile haben.
Damit wird ein entscheidender Zusammenhang sichtbar:
Je länger die Energiewende verschleppt wird, desto länger bleibt Deutschland den internationalen Preisen für Öl und Gas ausgeliefert.
Der Energiepreisschock nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hat gezeigt, welche Folgen diese Abhängigkeit haben kann. Energie wird dann nicht nur teuer, weil die deutsche Politik einen Fehler gemacht hätte. Internationale Konflikte, Lieferabhängigkeiten und geopolitische Machtverhältnisse schlagen unmittelbar auf unsere Wirtschaft und auf die Preise durch.
Und genau hier wird die AfD-Position interessant.
Weniger erneuerbare Energien – mehr Abhängigkeit von fossilen Importen
Die AfD stellt den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien infrage und setzt stärker auf fossile Energieträger. Das mag kurzfristig wie eine Alternative zur bisherigen Energiepolitik erscheinen. Wirtschaftlich stellt sich aber eine sehr grundsätzliche Frage:
Wie soll Deutschland unabhängiger und energiepolitisch sicherer werden, wenn es weiterhin große Mengen Öl und Gas importieren muss?
Wind und Sonne müssen nicht importiert werden. Ihre Energiequelle ist kostenlos und heimisch. Jede zusätzliche Kilowattstunde erneuerbaren Stroms kann – wenn Netze und Speicher mitwachsen – dazu beitragen, fossile Energieimporte zu ersetzen. Dasselbe gilt für die Elektrifizierung.
Ein Elektroauto benötigt keinen importierten Benzin- oder Dieselstrom aus einer Raffineriekette, sondern kann mit heimischem erneuerbarem Strom fahren. Eine Wärmepumpe kann fossiles Gas oder Heizöl ersetzen. Eine zunehmend elektrifizierte Industrie kann ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen reduzieren.
Die Energiewende ist deshalb nicht nur Klimapolitik. Sie ist auch eine Strategie gegen Energieabhängigkeit, Preisschocks und den Abfluss von Milliarden für fossile Energieimporte.
Wer ihren Ausbau bremst, muss deshalb erklären, wie diese Abhängigkeit stattdessen beendet werden soll.
Und das ist erst der Anfang
Hagelükens Argumentation reicht weiter: Ein Austritt Deutschlands aus der Europäischen Union würde den für deutsche Unternehmen zentralen europäischen Binnenmarkt infrage stellen. Eine drastische Einschränkung von Zuwanderung hätte in einer alternden Gesellschaft Folgen für das Arbeitskräfteangebot – und damit auch für Industrie, Handwerk, Dienstleistungen und Pflege.
Das sind keine nebensächlichen Details. Es geht um grundlegende Voraussetzungen unseres Wohlstands. Deshalb ist die Frage nicht nur, ob man mit der bisherigen Bundesregierung zufrieden ist.
Die entscheidende Frage lautet: Was würde die Alternative konkret bewirken?
- Wer die EU schwächen will, muss die Folgen für Handel und Arbeitsplätze erklären.
- Wer Migration massiv reduzieren will, muss erklären, woher die benötigten Arbeitskräfte kommen sollen.
- Wer den Ausbau erneuerbarer Energien bremst, muss erklären, wie Deutschland seine Abhängigkeit von Öl und Gas verringern will.
Und wer verspricht, die Wirtschaft werde nach einem politischen Kurswechsel automatisch wieder aufblühen, sollte konkrete Antworten liefern, statt nur auf die Unzufriedenheit mit der bisherigen Politik zu setzen.
Kritik an der Regierung ist notwendig – aber Wirtschaftspolitik ist kein Glücksspiel
Die demokratischen Parteien müssen sich der Kritik stellen. Die deutsche Wirtschaft braucht bessere Rahmenbedingungen, mehr Investitionen, weniger Bürokratie, Innovation und eine verlässliche Energieversorgung.
Gerade deshalb sollte man die wirtschaftspolitischen Vorschläge der AfD nicht danach beurteilen, wie gut sie als Protest gegen die aktuelle Regierung funktionieren, sondern danach, welche wirtschaftlichen Folgen sie wahrscheinlich hätten.
Der SZ-Beitrag bringt die Gefahr einer solchen Hoffnung auf einen einfachen politischen Befreiungsschlag auf einen drastischen Punkt: „Schlimmer kann es wirtschaftlich nicht werden“? Doch – es kann wesentlich schlimmer werden.
Und Hagelükens Schlussbild ist entsprechend eindringlich: Wer aus Ärger über die bisherige Rendite seine Ersparnisse einem Scharlatan anvertraut, hat damit noch lange keine bessere Geldanlage gefunden.
Übertragen auf die Politik heißt das: Unzufriedenheit mit der bisherigen Wirtschaftspolitik ist kein Beweis dafür, dass die wirtschaftspolitischen Rezepte der AfD funktionieren.
Deshalb lohnt es sich, vor der nächsten Wahl nicht nur zu fragen: „Was läuft heute schlecht?“
Sondern auch: „Was passiert, wenn die vorgeschlagene Alternative tatsächlich umgesetzt wird?“
Das ist keine Frage von links oder rechts.
Das ist eine Frage von wirtschaftlicher Vernunft.
